Aquarellmalerei: So erstellt man seine eigene Farbkarte
Eine einzige falsche Entscheidung kann den entscheidenden Unterschied zwischen einem Aquarell mit leuchtenden Farben und einem anderen mit trüber, matter und lebloser Wirkung ausmachen. Die Wahl der Farben sollte niemals dem Zufall überlassen werden: Man muss seine Farbpalette kennen, die am besten geeigneten Farbtöne auswählen und verstehen, wie sie sich miteinander mischen lassen, um klare, harmonische und leuchtende Ergebnisse zu erzielen. Genau damit beschäftigen wir uns in diesem Artikel.
Die richtige Aquarellfarbenpalette auswählen: Die wichtigsten Kriterien
Bevor wir uns ansehen, welche Farben sich besonders gut für Farbmischungen eignen, finden Sie hier einige wichtige Hinweise zur Auswahl einer hochwertigen Aquarellpalette. Lesen Sie die folgenden Empfehlungen aufmerksam durch.
Quantität oder Qualität?
Aquarellkästen mit einer großen Vielfalt an Farbtönen wirken auf den ersten Blick äußerst verlockend. Die Fülle an Farben ist beeindruckend und verleitet viele dazu, sie einer kleineren, aber qualitativ hochwertigeren Farbpalette vorzuziehen.
Der erste Tipp lautet daher: Vermeiden Sie diese Art von Aquarellkästen. Entscheiden Sie sich stattdessen für eine Palette mit wenigen, dafür aber hochwertigen Farben. Die Pigmente sollten cremig, intensiv und hoch konzentriert sein – ein deutliches Zeichen für bessere Leuchtkraft, höhere Pigmentierung und eine längere Haltbarkeit.
Wählen Sie eine vollständige Grundpalette
Im Kunsthandel finden Sie auch thematische Farbpaletten, beispielsweise für Hauttöne in der Porträtmalerei oder kalte Farbskalen von Aquamarin bis zu intensivem Violett. Diese Sets sind zwar verlockend, doch für den Einstieg empfiehlt sich eine vollständige Grundpalette.
Achten Sie darauf, dass sie alle wesentlichen Grundfarben enthält, die Sie zum Mischen nahezu aller Farbtöne benötigen.
Die ideale Farbpalette für die Aquarellmalerei
Jede Farbe erhält ihren Charakter durch die physikalischen Eigenschaften ihrer Pigmente. Deshalb gleicht das Mischen von Aquarellfarben oft eher einem Kochrezept als einer mathematischen Formel. Um unerwartete Ergebnisse zu vermeiden, empfiehlt sich eine bewährte Auswahl hochwertiger Pigmente, die von zahlreichen Aquarellkünstlern verwendet werden:
- Zitronengelb
- Alizarin-Karmin
- Gamboge
- Pyrrolrot
- Ultramarinblau
- Gebrannte Siena
- Saftgrün
- Quinacridon-Rose
- Ceruleanblau
Mithilfe einer Farbkarte oder eines Farbfächers können Sie innerhalb Ihrer eigenen Farbpalette den exakten oder den am besten passenden Farbton bestimmen. Nachfolgend sehen Sie eine Übersicht dieser Farben, aufgetragen mit meinen eigenen Aquarellfarben.
Wie verwendeten die großen Meister Farbe in der Aquarellmalerei?
Hier sind einige bedeutende Künstler und ihre Herangehensweise an Farbe, Licht und Farbmischungen.
J.M.W. Turner
Turner zählt zu den bedeutendsten Aquarellmalern der Kunstgeschichte. Er nutzte gezielt das Weiß des Papiers als Lichtquelle und schuf mit Gelb-, Ocker- und Goldtönen atmosphärische Landschaften voller Leuchtkraft.
Luzern vom See aus (1800)
John Singer Sargent
Sargent war ein Meister subtiler Farbharmonien. Tiefe Schatten erzeugte er häufig durch die Mischung von Ultramarinblau und Gebrannter Siena, wodurch dunkle Bereiche gleichzeitig Tiefe und Wärme erhielten.
Junges Mädchen mit Sonnenschirm (1900)
Georgia O’Keeffe
Sie beherrschte den gezielten Einsatz intensiver Farbigkeit und schuf Aquarelle mit außergewöhnlich gesättigten, reinen Farbtönen, die teilweise an die Leuchtkraft von Ölgemälden erinnern.
Abendstern Nr. IV (1917)
Aquarellfarben mischen: Wie erhält man die richtigen Farbtöne?
Nachdem Sie die wichtigsten Farben kennengelernt haben, sehen wir uns nun einige bewährte Farbmischungen an.
- Für Schatten: Mischen Sie Ultramarinblau mit Gebrannter Siena. Dadurch entsteht ein neutrales Grau, das sich harmonisch an die umgebenden Farbtöne anpasst und deutlich natürlicher wirkt als reines Schwarz.
- Für Grüntöne: Verwenden Sie Zitronengelb als Ausgangsfarbe und neutralisieren Sie den Farbton mit einer kleinen Menge Rot. So entsteht ein natürliches Olivgrün, das sich hervorragend für Vegetation eignet.
- Für Hauttöne: Mischen Sie Gelbocker mit Cadmiumrot oder Pyrrolrot. Dadurch erhalten Sie einen warmen, ausgewogenen Grundton, der sich anschließend durch Lasuren weiter differenzieren lässt.
Erstellen Sie Ihre eigene Farbkarte
Von Hersteller zu Hersteller unterscheiden sich Pigmente sowohl in ihrer chemischen Zusammensetzung als auch in ihrer Konzentration und Transparenz. Deshalb lohnt es sich, eine persönliche Farbkarte anzulegen.
Tragen Sie auf einem Blatt Aquarellpapier jede Farbe Ihrer Palette in derselben Reihenfolge auf wie im Farbkasten. Verwenden Sie dabei möglichst dieselbe Wassermenge und Pigmentkonzentration. Mischen Sie anschließend verschiedene Farben miteinander und notieren Sie jeweils die verwendeten Pigmente sowie das entstandene Ergebnis. So entsteht nach und nach eine individuelle Referenz, die Ihnen das Arbeiten erheblich erleichtert.
Farbtheorie in der Aquarellmalerei: Die wichtigsten Grundlagen
Einige einfache Prinzipien helfen dabei, bessere Entscheidungen für jedes Werk zu treffen:
Arbeiten Sie mit begrenzter Farbpalette: Beschränken Sie sich auf vier oder fünf Farben pro Motiv. Eine reduzierte Farbpalette sorgt für mehr Farbharmonie und verleiht dem Bild eine geschlossene Gesamtwirkung.
Vermeiden Sie reines Schwarz: Reines Schwarz kommt in der Natur nur selten vor. Natürlich wirkende Dunkelwerte entstehen meist durch den Kontrast oder durch sorgfältig gemischte Komplementärfarben. Diese wirken deutlich lebendiger und harmonischer als fertiges Schwarz.
Spielen Sie mit Transparenzen: Durch das schrittweise Übereinanderlegen transparenter Lasuren entstehen intensive Farbtiefen und feine Farbnuancen, ohne dass komplexe Farbmischungen erforderlich sind.
Hellen Sie Farbtöne auf: Um einen Farbton aufzuhellen, mischen Sie ihn mit einer helleren, benachbarten Farbe derselben Farbfamilie, beispielsweise Grün mit Gelb. Soll ein Farbton dunkler werden, erzielen Sie häufig natürlichere Ergebnisse durch eine passende Komplementärfarbe als durch die Zugabe von Schwarz.
Die Wahl der richtigen Aquarellfarben ist weit mehr als eine Frage des persönlichen Geschmacks – sie bildet die Grundlage für ein gelungenes Aquarell. Eine hochwertige Farbpalette, sorgfältig ausgewählte Pigmente, sichere Mischtechniken und ein gutes Verständnis von Farbwerten und Transparenz machen auf dem Papier einen entscheidenden Unterschied.
Nehmen Sie sich Zeit, Ihre eigene Farbkarte anzulegen, verschiedene Pigmentkombinationen auszuprobieren und die Arbeitsweise großer Aquarellmeister zu studieren. Schon bald werden Sie feststellen, dass die Ausdruckskraft eines Aquarells nicht von der Anzahl der verwendeten Farben abhängt, sondern davon, wie bewusst sie ausgewählt, gemischt und in transparenten Lasuren aufgebaut werden.
Jetzt sind Sie an der Reihe, eine Farbpalette zu entwickeln, die perfekt zu Ihrem persönlichen Stil und Ihrer künstlerischen Bildsprache passt.